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Zwischen Krebstherapie und Selbstmedikation

Zwischen Krebstherapie und Selbstmedikation

Wechselwirkungen im Blick

Safety First: Wechselwirkungen im Fokus der Apotheke

Krebs ist auf dem Vormarsch: Vor allem Brust- und Prostatakrebs gehören laut Robert Koch-Institut zu den häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland1. Viele der betroffenen Patientinnen und Patienten sind älter, leiden unter mehreren (chronischen) Erkrankungen und sind dauerhaft auf mehrere Arzneimittel angewiesen. Mit ihren zahlreichen Verordnungen stehen diese Patienten regelmäßig bei Dir in der Apotheke.

Für Dich in der Apotheke heißt das: Du berätst zunehmend onkologische Patienten mit bereits komplexer Polymedikation. Kommt die orale Tumortherapie dazu, steigt das Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen und arzneimittelbezogene Probleme – besonders, wenn die Patienten in Eigenmedikation zusätzlich OTC-Präparate einnehmen.

Damit nimmst Du in der Apotheke eine wichtige Rolle in der Versorgung von Tumorpatienten ein: Die Apotheke ist die letzte Instanz vor der Einnahme, in der Risiken und Nebenwirkungen erkannt, potenzielle Wechselwirkungen identifiziert und Krebspatienten im Alltag sicher begleitet werden.

Erhöhtes Risiko für Neben- und Wechselwirkungen bei Krebsmedikamenten

Onkologische Therapien gelten als klassisches Hochrisiko-Setting für arzneimittelbezogene Probleme.2,3 Gerade bei älteren Brust- und Prostatakrebspatienten – aber natürlich auch bei anderen Tumorarten – treffen mehrere Medikationen aufeinander: Tumortherapie mit zunehmend oralen Darreichungsformen, Medikamente für Begleiterkrankungen und zur Behandlung der Nebenwirkungen sowie zur Selbstmedikation. Hinzu kommt häufig eine sehr individuelle Ernährung, die – je nach Nahrungsmitteln, Trinkgewohnheiten oder eingesetzten Supplementen – die Bioverfügbarkeit und Verträglichkeit der Tumortherapie zusätzlich beeinflussen kann.

Die hochpotenten Wirkstoffe gegen Krebs haben häufig ein ausgeprägtes Interaktionspotenzial und können Nebenwirkungen verursachen. Für Deine Kunden kann die Therapie deshalb den Alltag spürbar belasten:

  • Übelkeit und Erbrechen
  • Durchfall oder Verstopfung
  • ausgeprägte Müdigkeit (Fatigue)
  • Veränderungen des Blutbildes

treten vergleichsweise häufig auf. Diese Begleiterscheinungen können dazu führen, dass die Behandlung als anstrengend erlebt wird, Dosen ausgelassen werden oder die Therapie insgesamt infrage gestellt wird. Das Nebenwirkungsmanagement und eine korrekte Einnahme der Medikamente sind daher mitentscheidend für den Therapieerfolg.4

Flaschen mit Tabletten
Man Holding A Box

Krebstherapie trifft auf Polymedikation

Vor allem ältere Patienten erhalten häufig zusätzlich zur Krebstherapie eine ganze Reihe weiterer Arzneimittel: Antikoagulanzien, Antihypertensiva, Antidiabetika, Analgetika und weitere Dauer- oder Bedarfsmedikation. Mit jedem zusätzlichen Wirkstoff steigt das Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen insbesondere, wenn Medikamente zur gleichen Uhrzeit eingenommen werden und/oder Wirkstoffe mit ausgeprägtem Interaktionspotenzial beteiligt sind.

Für Deine Kunden kann das ernsthafte Folgen haben: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Arzneimittelwechselwirkungen (Drug-Drug-Interactions) sind keine theoretische Gefahr, sondern ein häufiger Grund für vermeidbare Krankenhausaufnahmen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil dieser stationären Aufenthalte auf Wechselwirkungen und Fehlsteuerungen in der Gesamtmedikation zurückzuführen ist.5

Hoher Beratungsbedarf bei Krebspatienten

Vor diesem Hintergrund gewinnen die über die Krankenkassen abrechenbaren pharmazeutischen Dienstleistungen an Bedeutung. Für die Abrechnung ist eine von den Apothekerkammern bzw. der ABDA anerkannte Schulung erforderlich.

Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation

Patienten mit Polymedikation (mindestens fünf verordnete systemisch wirkende Arzneimittel bzw. Inhalativa in der Dauermedikation) erhalten mindestens alle zwölf Monate oder bei relevanter Therapieumstellung eine strukturierte Prüfung ihrer Gesamtmedikation einschließlich Selbstmedikation6.

Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie

Bei neu verordneter oraler Tumortherapie und bestehender Polymedikation werden Gesamtmedikation, Besonderheiten der Einnahme, mögliche Wechselwirkungen und Nebenwirkungen systematisch erfasst; bei Bedarf folgt ein weiteres Gespräch zu Anwendungsproblemen und Therapietreue7.

Jede neue Verordnung bei onkologischen Patienten sollte deshalb Anlass sein, die gesamte Medikation kritisch zu prüfen.

Indem Du Verordnungen aufmerksam durchgehst, kritische Kombinationen identifizierst und Selbstmedikation, Nahrungsmittel sowie Nahrungsergänzungsmittel aktiv erfragst, senkst Du das Risiko arzneimittelbezogener Probleme und stärkst zugleich die Therapietreue dieser besonders vulnerablen Patientengruppe.

Augen auf und Ohren spitzen bei onkologischen Neuverordnungen

Damit onkologische Patienten von einer vertieften Beratung profitieren, müssen sie im Apothekenalltag bewusst wahrgenommen werden.

Die 5 wichtigsten Schritte:

Besondere Aufmerksamkeit ist bei Beginn einer neuen oralen Tumortherapie oder einer Folgetherapie geboten. Das ist oft ein idealer Moment, um die Gesamtmedikation gemeinsam mit dem Kunden anzusprechen.

Info: Was darf eine PTA bei einer Medikationsanalyse übernehmen?

Die Bewertung der Medikationsanalyse und die Patientenberatung im Rahmen des Medikationsmanagements ist Aufgabe eines Apothekers8. Sie stellt eine eigenständige pharmazeutische Leistung dar, die deutlich über die übliche Information und Beratung zu einzelnen Arzneimitteln hinausgeht.

Es ist möglich, Dich als PTA in Teilprozesse einzubeziehen – soweit diese nicht ausdrücklich dem Apotheker bzw. der Apothekerin vorbehalten sind. Dein Einsatz erfolgt nach Anleitung und Schulung durch den Apotheker und im Rahmen Deiner Ausbildung und Fachkenntnisse9.

Die Rolle der Apotheke als zentrale Sicherheitsinstanz

Die Apotheke ist die letzte heilberufliche Instanz bevor ein Medikament auf seinem Weg vom Hersteller den Patienten erreicht. Deine Informationen und Beratung zur richtigen Anwendung tragen damit wesentlich zur Arzneimitteltherapiesicherheit und direkt zur Patientensicherheit bei10. Zu den wichtigsten Aufgaben in der Apotheke gehört außerdem, Arzneimittelrisiken zu erkennen und ihrer Entstehung vorzubeugen.

Stellst Du im Rahmen der Patientenberatung oder bei der Erfassung der Gesamtmedikation unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen (UAW) fest, sind Apotheker nach der Berufsordnung verpflichtet, diese Risiken an die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zu melden. Dazu zählen auch UAWs, die im Zusammenhang mit Medikationsfehlern entstehen, etwa durch unbeabsichtigte oder falsche Einnahme. Die AMK leitet die Meldungen an die zuständigen Behörden wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) oder das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weiter10.

Geringes Wechselwirkungspotenzial für mehr Patientensicherheit

Mit der zunehmenden Polymedikation bei onkologischen Patienten rücken insbesondere orale Tumortherapeutika mit geringem Neben- und Wechselwirkungspotenzial in den Fokus – auch in der Behandlung von Brust- und Prostatakrebspatienten. Solche Wirkstoffe lassen sich meist:

  • besser in bestehende Medikationspläne integrieren
  • verringern das Risiko klinisch relevanter Interaktionen
  • gehen häufig mit einem besser steuerbaren Nebenwirkungsprofil einher.

Therapien mit geringem Wechselwirkungspotenzial eröffnen Dir zudem die Möglichkeit, Beratungsschwerpunkte stärker auf Adhärenz, Lebensqualität und praktische Alltagstipps zu legen.

Pharmacist Advising A Customer

Fazit

Mehr als Sicherheit

Indem Du aufmerksam nachfragst und Wechselwirkungen vorausschauend mitdenkst, schaffst Du mehr als pharmazeutische Sicherheit für Deine Kunden – Du gibst Menschen in einer verletzlichen Lebensphase Vertrauen, Orientierung und ein Stück Stabilität zurück.

Quellen

  1. Robert Koch-Institut: Krebs in Deutschland 2025. https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/krebs_in_deutschland_2025.pdf
  2. Schlichtig K, Dürr P, Dörje F, Fromm MF. New oral anti-cancer drugs and medication safety. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 775–782.
  3. Dürr P, Schlichtig K, Kelz C, et al. The randomized AMBORA trial: impact of pharmacological/pharmaceutical care on medication safety and patient-reported outcomes during treatment with new oral anticancer agents. J Clin Oncol 2021; 39: 1983–1994. DOI: 10.1200/JCO.20.03088
  4. Universitätsklinikum Augsburg: Krebsbehandlung mit Tabletten – Hinweise für Patienten. https://www.uk-augsburg.de/krebserkrankungen/therapien/krebsbehandlung-mit-tabletten-das-sollten-sie-als-patient-wissen
  5. Which Adverse Events and Which Drugs Are Implicated in Drug-Related Hospital Admissions? A Systematic Review and Meta-Analysis. MDPI
  6. ABDA: Pharmazeutische Dienstleistungen – Polymedikation. https://www.abda.de/pharmazeutische-dienstleistungen/polymedikation/
  7. ABDA: Pharmazeutische Dienstleistungen – Orale Krebstherapie. https://www.abda.de/pharmazeutische-dienstleistungen/orale-krebstherapie/
  8. § 3 Abs. 4 ApBetrO
  9. § 3 Abs. 1 ApBetrO
  10. Onkologische Pharmazie / AMBORA Kontext. https://www.pharmakologie.med.fau.de/files/2021/11/221-onkologische-pharmazie-2021-schlichtig-ambora-studie-28-32.pdf